52 Games #10 – Übernatürlich: The Darkness

Bei Egoshootern bin ich relativ wählerisch. Klar, Kulttitel wie Duke Nukem, Blood, Hexen, Kingpin, Quake, Half-Life (2), die hat jeder gespielt. Die haben mich auch alle begeistert. Mit der immer größer werdenden Masse an Auswahl in diesem speziellen Genre wurde allerdings auch mein Anspruch immer höher. Ich lasse mich nicht von jedem Shooter begeistern, im Gegenteil. So fand ich Killzone 2 beispielsweise ziemlich langweilig und war froh, es mir nicht gekauft zu haben. Halo und Resistance interessieren mich nicht die Bohne, brauche ich nicht. Egal wie sehr ein Spiel gelobt wird, heute brauche ich da einfach ein Argument mehr, zuzugreifen.

Ein Shooter braucht etwas besonderes, mindestens ein Element, das ihn vom Einheitsbrei abhebt und für mich interessant(er) macht. Auf der aktuellen Konsolengeneration war ich da schon ziemlich wählerisch und habe viele für mich irrelevante Titel einfach ausgelassen. Die Titel, die mich dann überzeugen konnten, haben mich umso mehr begeistert. Nehmen wir Timeshift als ein Beispiel. Die Spielerei mit dem Ablauf der Zeit war mehr als nur Unterhaltung. Man konnte im Laufe des Spiels die Zeit verlangsamen, stoppen, sogar rückwärts ablaufen lassen. Teilweise hat dieser Umstand das Spiel einfach nur leichter gemacht, indem man Fehler noch schnell korrigieren oder die Gegner verlangsamen konnte und damit weniger Probleme hatte, sie aus dem Weg zu räumen. Teilweise war es aber auch ein Mechanismus, ohne den das Spiel nicht zu bewältigen war, da manches in der normal ablaufenden Zeit einfach nicht möglich war.

Doch Timeshift ist nur ein Beispiel. Die Modern Warfare Reihe gehört für mich – auch wenn sich darüber nun viele amüsieren werden, angesichts der anderen Titel, die ich oben als uninteressant gelistet habe – ebenso zu diesen wenigen Spielen, die etwas besonderes haben. Sie sind einerseits einfach bombastisch inszeniert, die Michael Bay Filme in der Videospielwelt, sozusagen. Teilweise geben sie einen besseren Film ab als so manch echter Film. Wenn ich an die Szenen im ersten Teil denke, die in Prypjat (Tschernobyl) stattfinden, bekomme ich noch Jahre nach dem Genuss des Spiels eine Gänsehaut. Diese Atmosphäre in der fast menschenleeren Stadt war so intensiv umgesetzt wie es kaum ein anderes Spiel (von reinen Horrortiteln mal abgesehen) bisher geschafft hat. Es war ein sehr kurzes Spiel, aber intensiv und unglaublich packend.

Der Shooter The Darkness ist ein weiteres Beispiel für ein Spiel, das sich durch ein besonderes Element auszeichnet – ein übernatürliches Element. Wenn man über das Thema dieses Eintrags länger nachdenkt, würde fast jedes Spiel dazu passen. Übernatürliche Elemente haben sie doch fast alle, und wenn es sich nur um unrealistische Übertreibungen handelt. Auch das angesprochene Timeshift hätte eigentlich wunderbar gepasst, dennoch wähle ich The Darkness – warum?

Das übernatürliche Element, um was es hier eigentlich geht, ist eine Begabung, Fluch und Segen für den Protagonisten des Spiels – Jackie Estacado. Er hat besondere Fähigkeiten, die mit der Dunkelheit eng zusammenhängen. Ein Dämon hat von ihm Besitz ergriffen und verleiht ihm damit die Gabe, seine Feinde mit riesigen Tentakeln zu packen, ihre Herzen zu verschlingen und damit seine eigene Lebenskraft wieder zu regenerieren. Die Dunkelheit ist das zentrale Thema des Spiels. Auch sie hat eine heilende Wirkung auf Jackie. Versteckt er sich im düsteren Schatten, kann er sich selbst regenerieren und seine Kräfte uneingeschränkt benutzen – im hellen Licht ist ihm das jedoch nicht ohne weiteres möglich. Er kann die „Darklinge“ herbei rufen, kleine Dämonen, die ihm tatkräftige Unterstützung in unterschiedlichster Form leisten. Sie erledigen seine Gegner für ihn oder helfen ihm bei anderen Aufgaben.

Die Atmosphäre des Spiels ist fantastisch. Durch das Spiel mit der namensgebenden Dunkelheit ist es natürlich sehr düster (und natürlich relativ blutig) gehalten, aber das ist noch nicht alles. Das Spiel ist nicht mal besonders umfangreich, ich habe es zumindest nicht deutlich länger als zehn Stunden in Erinnerung. Aber es erweckt trotz seiner eigentlich sehr begrenzten Welt den Eindruck von Größe. U-Bahn-Stationen verbinden die unterschiedlichen Abschnitte miteinander, die den Übergang in andere Bereiche symbolisieren. Diese Stationen erwecken den Eindruck, belebt zu sein. Man beobachtet hier unterschiedliche Zeitgenossen, die eigentlich gar nicht am Spiel beteiligt sind, jedoch immer ein geschäftiges Treiben vorgaukeln. Jugendliche sammeln sich in Gruppen und hören Musik, Passanten ziehen vorbei. Es herrscht Bewegung, ein Fluss unterschiedlicher Persönlichkeiten haucht der Umgebung Leben ein.

Die Geschichte ist packend umgesetzt. Sie wirkt persönlich, nicht unnahbar, wie in vielen anderen Spielen. Wir lernen zum Beispiel Jenny, die Freundin des Protagonisten, kennen. Sie begegnet uns oft im Spiel, in ganz unterschiedlichen Situationen, mal erfreulich, mal das genaue Gegenteil. Man kann sich neben sie auf die Couch setzen und einfach nur einen Film schauen. Das Spiel bietet uns unterschiedliche TV-Programme, mehrere vollständige Filme, von denen man sich alleine oder zu zweit einfach berieseln lassen kann. Man hat nicht das Gefühl, hier einen weiteren überflüssigen Charakter zu beobachten. Man weiß irgendwann, wem man da zuschaut, kennt die Persönlichkeiten und deren Freuden und Probleme.

In dieser Hinsicht hat das Spiel fast schon Ähnlichkeiten mit dem allseits beliebten Shenmue aufzuweisen, natürlich in geringerem Umfang. Es ist nicht ansatzweise eine vergleichbare Freiheit vorhanden, ganz im Gegenteil, das Spiel ist vollkommen linear und überlässt uns keine Entscheidungsfreiheit, aber ich als Spieler bemerke das nicht einmal, weil ich von der Atmosphäre und Handlung und der mir vorgetäuschten Freiheit vollkommen gefesselt und begeistert bin. Selten war ich so vertieft in ein derart kurzes Spiel, selten haben mich Schicksalsschläge, die den Charakteren passieren, mehr berührt. Hier ist es sogar mit Heavy Rain auf einer Stufe angekommen. Auch das Spiel war kurz aber intensiv, packend und unglaublich fesselnd, mit einer berührenden Handlung gesegnet.

Das übernatürliche Element macht ziemlichen Spaß. Ich habe kaum Gegner mit den normalen Waffen ausgeschaltet; viel öfter habe ich Jackies dämonische Kräfte genutzt, Herzen aus Gegnern gerissen und verschlungen, Darklinge auf sie gehetzt, während ich mich selbst in der Dunkelheit verborgen hielt. Aber das ist nur ein Punkt, der das Spiel so besonders macht – viel wichtiger war mir die Verpackung, die Handlung. Ich übte Rache aus, für das, was mir angetan wurde – es war kein Spiel mehr, sondern eine persönliche Angelegenheit.

Wenn ein Spiel mich derart fesselt, hat es alles richtig gemacht.

 

Dieser Blogeintrag zum Thema “übernatürlich” ist ein Teil des Blogprojektes 52 Games von Zockwork Orange. Jede Woche wird ein neues Thema vorgegeben, zu dem es dann ein passendes Spiel zu wählen gilt, über das jeder teilnehmende Blogger seinen Senf in Form eines Blogeintrages abgeben kann.

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